Abgeschoben...

(Science Fiction)

An diesem Morgen wurde dem Namenlosen klar, dass er sein Leben verpfuscht hatte.
Dieses Gefühl verstärkte sich noch durch die Ungewissheit, ob es tatsächlich Morgen war. Gefangen auf einem halb verrosteten Transportraumschiff, verlor die Zeit für einen ihre ursprüngliche Bedeutung.
Auch das Schnarchen seines Mithäftlings bot keinerlei Hinweis darauf, wie früh oder spät es nach Erdzeit war – dieser Dieb schlief, wann immer er nicht den genmanipulierten Gefängnisfraß in sich hineinschlang oder den Namenlosen ärgerte. 
„Und, wegen was haben sie dich abgeschoben?“, hatte der Dicke ihn gestern allzu leutselig gefragt, und nach einer Musterung aus hervorquellenden Augen hinzugefügt: „Siehst aus wie ’n Anwalt.“
Dies hatte dem Namenlosen beinahe ein Lachen entlockt. Ein Anwalt! Es wäre sinnlos gewesen, zu erklären, wer er war… was für ein Imperium er sich aufgebaut hatte. Zu einem, weil dieser Redneck die Bedeutung seiner Leistungen nie verstanden hätte. Zum anderen, weil nichts davon mehr zählte in diesem Niemandsland.
Als er sich von der Liege aufrappelte, spürte er den rauen Stoff des Allzweck-Thermoanzugs auf seiner Haut scheuern – Kleidung gewordene Kunststoffabfälle. Bald würde er das Gefühl von Seidenhemden vergessen, die so viel kosteten wie die Monatsmiete eines geräumigen Lofts in New Boston.
Er stellte sich auf die Zehenspitzen, um aus dem trüben Sichtfenster zu blicken, das extra hoch angebracht zu sein schien, um die nicht gerade hünenhafte Größe des Namenlosen zu verspotten. Ein Stück Weltall war in den Bullaugenrahmen gezwängt: tintenschwarz und karg, gönnte es dem Betrachter kaum Sterne. Welch ein Kontrast zu der riesigen Glasfläche in seinem ehemaligen Büro, von wo aus er über die ganze Stadt hatte blicken können… und, wie er sich manchmal unter Einfluss weißen Pulvers ausmalte, über die ganze Welt.
Nun schickte die endlose, trostlose Fläche dem Namenlosen eine Erkenntnis, ein Signal, das über seine Augen in sein Inneres schoss und wie ein düsterer Blitz alle Farben seiner Welt in Negative verwandelte.
Einen langen Weg suggerierte dieser Anblick, eine nicht enden wollende Fortsetzung seines Falls. Der Weg wurde nicht verkürzt durch Hyperraumsprünge, die bei Strecken dieser Art eigentlich angebracht waren; doch das technische Verfahren war zu aufwändig, ebenso wie das Testen aller transportierten Häftlinge darauf hin, ob sie die Extrembedingungen der Überlichtgeschwindigkeit vertrugen. All das konnte sich der Interstellare Bund nicht leisten. Aber strafen, ja, strafen konnten diese Blutsauger immer noch am besten.
Dieser Transport wurde nicht einmal zu den zehn Jahren hinzugerechnet, die er auf einem gottverlassenen Planeten abstottern musste.  Offiziell lautete sein Urteil „gemeinnützige Arbeit beim Abbau extraterrestrischer Erze“, in Wirklichkeit jedoch war er vom Gesetz in die Sklaverei verkauft worden. Falls er so lange durchhielt, würde er dann mit 56 Jahren als alter Mann zurückkehren. Eine der meist umstrittenen Verordnungen des Interstellaren Bundes – ein raues Lachen ins Gesicht der Menschenwürde – besagte nämlich, dass Verurteilten während ihrer Haftstrafe Verjüngerungsmittel jeglicher Art verweigert werden sollten.
Aber eigentlich spielte das keine Rolle, denn welcher Hahn auf der Erde würde dann schon nach ihm krähen? Er war gefallen, ein Niemand, der wegen seiner Gier alle Privilegien verloren hatte.
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