Das Grauen wartete hinter der Tür

Öffne sie, und du wirst nie wieder derselbe sein...

New York, 12. August 1984, Hochsommer. Über der Bronx liegt eine Hitzeglocke, die den Teer der Straßendecke aufweichen läßt. Jeder, der es sich erlauben kann, hat die Stadt schon vor Tagen fluchtartig verlassen, sucht Linderung auf dem Land. Eine Hitzewelle, mit Temperaturen, die in Celsius umgerechnet, mittags an der 55° Marke kratzen, macht das Leben in der City unerträglich.
Mein Name ist Frank Miller, 32 Jahre, ledig, Vertreter für Rheumawäsche. Die letzten zwei Wochen war ich auf Verkaufsreise im Mittelosten. Der Leser mag sicher nachvollziehen: bei diesen Temperaturen - außer Spesen, nichts gewesen.
Ich wäre besser mit PanAm nach Florida gejettet und hätte mir dort ein paar schöne Tage gemacht. Doch das war dieses Jahr nicht drin. Es ist mir nämlich vor vier Wochen gelungen, eine kleine Wohnung zu einem erschwinglichen Preis zu bekommen. Das ist hier in New York etwa vergleichbar, wie mit sechs Richtigen im Lotto. Die Gegend war schlecht, die Kriminalrate hoch, die Klimaanlage kaputt – doch die Miete billig! Und das war wichtig! Die meiste Zeit war ich eh beruflich unterwegs und ich brauchte die Wohnung nur als heimatlichen Stützpunkt, Übernachtungsquartier und für meine geliebten und in Insiderkreisen berühmt-berüchtigten Partys.

So hatte ich in den Wochen vor meiner letzten Geschäftsreise den Pinsel geschwungen, tapeziert und geputzt. Ein paar Freunde halfen mir, die wenigen, in meinem Besitz befindlichen Möbel herzubringen und die Wohnung halbwegs junggesellentauglich und partysicher zu machen.
Zu meiner Wohnung gehört auch eine Kammer, die aber Mangels eines passenden Schlüssels, noch nicht renoviert und benutzt werden konnte. Der Eingang dazu befand sich in der Küche. Sicher war es eine Vorratskammer. Ich wollte mir den passenden Schlüssel beim Hauswart besorgen und die Arbeiten  nach meiner Verkaufsreise machen.
Dann hatte ich Zeit bis zum Herbstgeschäft und konnte die Wohnung auch noch etwas luxuriöser aufpeppen, wohnlicher machen. Bei einem Mietpreis von $480 im Monat, was für Big Apple unschlagbar billig ist, muß man halt einige Abstriche machen. Dicht neben dem Eingang zur Kammer  stand einer dieser berühmten amerikanischen Riesenkühlschränke, der zum Mietobjekt gehörte. Ein Argument, diese Wohnung zu nehmen. Konnte er doch Unmengen von Bier und Soda aufnehmen, ohne auch nur den geringsten Eindruck von Überfüllung zu erwecken.

Drei Tage vor meiner Abreise gab ich meine Einweihungsparty, zu der ich wohlweislich auch die Nachbarn, so vermeidet man gleich am Anfang Ärger, eingeladen hatte. Dieser großen multikulturellen Party folgte am nächsten Tag ein noch größerer Kater und Katzenjammer, der mich daran hinderte, dringende Erledigungen bezüglich meiner kommenden Abwesenheit, zu tätigen. Ich war froh, daß ich die Scherben der zu Bruch gegangenen Gläser und Vasen weggeräumt bekam. Bei näherer Betrachtung war es sogar ein Wunder, daß mir nicht das ganze Appartement leer geräumt worden war. Denn kurz nach Mitternacht hatte ich endgültig die Übersicht verloren, wer zu den eingeladenen Gästen gehörte, oder wer sich einfach nur gratis durchsoff. Die Wohnungstüre hätte ich besser gegen eine Drehtür ausgetauscht. Das Gras, das irgendwann einer der Gäste hervor holte, war auch nicht das Beste gewesen. Doch die Kleine, die ich in der Nacht zu packen bekam, wog alles wieder auf.
Als ich nach dem Scherbenauffegen anfing, die Möbel gerade zu rücken, fand ich noch einen Latino hinter der Couch schlafend und leise schnarchend vor. Ich packte ihn und schmiß ihn ohne Worte kurzerhand raus, worauf er sich knurrend trollte.
Bald darauf wollte ich auch los, die vereinbarten Termine drängten, und vor zwei Tagen kam ich dann, völlig zerschlagen und deprimiert wegen der nicht zustande gekommenen Aufträge, was bei dieser Hitzewelle nicht weiter verwunderlich war,  wieder in New York an.

Ich parkte den Lincoln vor dem Haus, schnappte ich mir meine Musterkoffer, schickte ein Stoßgebet gen Himmel, daß, wenn ich gleich wieder runterkam, um den Wagen in die Garage zu fahren, nicht die Räder oder die Radkappen geklaut waren und machte mich auf den Weg nach oben. Der Gruppe, auf den Stufen vor dem Haus sitzenden, mich belustigt beobachtenden Farbigen, traute ich nicht. Sie ließen mich jedoch breit grinsend vorbei, was mein Mißtrauen noch verstärkte. Weshalb grinsten die? Oder waren sie einfach nur freundlich? Doch, was sollte ich machen. Der eine kam mir auch irgendwie bekannt vor. War sicher bei meiner Einweihungsparty gewesen und hatte sich gratis vollaufen lassen. Vielleicht deshalb das Grinsen. Einen „Weißen“ zu schöpfen, war ja das Größte für sie.

Tropfnaß, ich wunderte mich, daß es nicht bei jedem Schritt platschte und ich Wasserpfützen auf dem Boden hinterließ, kam ich, schnaufend wie ein Asthmakranker, pfeifend nach Luft schnappend und einem Herzkasper nahe, endlich in der sechsten Etage an. Der altersschwache Aufzug war, wie war es auch anders zu erwarten, kaputt.
Ich stellte die Koffer nahe dem Treppenaufgang ab und setzte mich erst einmal darauf, um wieder zu Atem zu kommen. Ich wischte mir mit dem Hemdsärmel über das Gesicht, um die Wasserfluten etwas zu stoppen. Bei der stickig-heißen Luft, die hier bewegungslos und drückend im Gang stand, ein hoffnungsloses Unterfangen. Im Hintergrund plärrte ein Radio mit einem Baby um die Wette. Gegenüber brüllte der Latino sein Mädchen zusammen. Sie hatte wohl in der letzten Nacht nicht genug angeschafft. Und so war die Tagesdosis an Dope in Gefahr. Eine ernste Sache, die man nicht durchgehen lassen durfte. Nach einigen klatschenden Ohrfeigen folgte ein schrilles Aufheulen der Mietze – dann war Ruhe. Bei dieser kraftraubenden Hitze hatte wohl auch er keine Lust, sich weiter zu verausgaben. Ich stand auf, packte ächzend meine Koffer und schlurfte saft- und kraftlos in Richtung Wohnungstüre, die auf der entgegengesetzten Seite der Etage zu suchen war.

Im Gang war mir schon der üble, irgendwie unbeschreibbare, Gestank aufgefallen, der sich jetzt noch zu verstärken schien. In einem Horrorfilm würde von Gerüchen und den Ausdünstungen der Hölle die Rede sein. In Verbindung mit der stehenden Hitze des Flures ein wirklich mörderischer Mix.
Was dies denn noch nicht dem Hauswart aufgefallen?
Trübe leuchtete eine einzelne Lampe, brachte kaum Licht ins Dunkle des Ganges. Bei allen anderen waren sicher wieder die Glühbirnen geklaut. Und so konnte ich kaum etwas sehen. Zumindest war hier nicht der Radau aus den anderen Wohnungen zu hören. Zurzeit bewohnte ich als einziger Mieter eine Wohnung in diesem seitlichen Nebentrakt. Dies war wohl auch der Grund, weshalb der Gestank niemanden interessierte. Zumal ein zu starkes Interesse für den Nachbarn in dieser Gegend schnell ungesund sein konnte. Man bekam da schnell eine Bleivergiftung oder fiel zufällig in ein Messer. Und so machte jeder sein Ding und kümmerte sich nicht um den Nebenmann. Es sei denn, er konnte ihm etwas Wertvolles klauen. Und so schloß ich auf und öffnete, mit einem mulmigen Gefühl im Magen die Wohnungstür.

Düsteres Zwielicht, da ich die Vorhänge vor meiner Abreise zugezogen hatte, fiel mir entgegen. Gleichzeitig traf es mich wie ein Dampfhammer. Mir wurde schwindelig, ich taumelte zurück. Die heiße Gluthölle, die mir entgegenschlug, gepaart mit dem infernalischen Gestank, haute mich um. Mit letzter Kraft gelang es mir, das Fenster auf der entgegengesetzten Seite im Raum zu öffnen. Von draußen schlug mir eine noch größere Hitze entgegen, die allerdings nur mit den gewohnten Gerüchen der Nachbarschaft versetzt war. Abgase, Kohl und Fisch aus der Wohnung der Latinos, der Geruch verbrannten Metalls und Schweißgeruch aus der Werkstatt der Autoschieber im Hinterhof. Ich ging zurück zur Wohnungstür und machte sie erst einmal zu. Sonst kam womöglich noch jemand auf die Idee, in meiner Wohnung würden Leichen liegen.
Leichen liegen?
Hatte ich beim Kehraus nach der Party jemanden übersehen?
War Der oder Die tot?
Mein Magen rebellierte bei dem Gedanken und den Gerüchen. Nur mühsam...

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