Er kommt ganz leis, der Winterblues...

von Sir Charles Blackwood

Es dauert manchmal lang, bis ich ihn bemerk. Doch dann hat er, so heimlich schleichend, ganz vorsichtig, so von hinten rum, meist ohne Warnung, schon von mir Besitz ergriffen.

Heute, ja, da habe ich ihn wieder bemerkt. Der unwohle Magen in den letzten Tagen, die alten, schwermütigen Schlager, das triste Wetter, das Verweilen der Seele in  längst vergangenen Tagen. Keine Lust zu Nichts, das Verkriechen in mir selbst... Alles Zeichen, daß der altvertraute Gast wieder zurückgekehrt ist.

Ja, jetzt traut er sich. Jetzt kommt er vor. Im Sommer, wenn die hellen, wärmenden Sonnenstrahlen Herz und Seele erfreuen. Wenn Teenies, jung, lebenslustig, mit kurzen, wippenden Miniröckchen den Marktplatz verschönern. Oder der alte Straßenmusikant, der an der Ecke von Fernweh und Liebe singt.  Seine verzaubernden Töne die süße Sommerluft durcheilen, sich heilend und sanft um  die Seele schmiegen...

Nee, nee - da mag er nicht!
Da verkriecht er sich!
Da schmelzen seine Eiswasser im Eimer der Depressionen dahin,  ist er schwach, blaß, kraft- und hilflos.

Doch heute, da ist wieder so ein Tag. Da scheint der alte Gesell zu lachen, seine Eiswürfel ausschütten zu wollen. Will, daß Grauen, Angst und Hilflosigkeit, erstarrt durch die Kälte der eisigen Last, von mir Besitz ergreifen. Will tanzen, herumspringen auf der gepeinten Seele, jeden guten, warmen und liebenden Eindruck zerstören. Doch halt, was ist denn das?

Da schwindet auf einmal die Schwermut der Gedanken, schmelzen die eisigen Würfel des Blues wie Gletscher in der Sonne. Da wärmen die Oldies das Herz, da ist der Regen nicht mehr triest und fad, der Riß in der aufklaffenden Seele schließt sich wie von Zauberhand. I’m singing in the rain…
Ich sch… was drauf, lach über die Schwermut, reiß die Fenster auf, lasse mir auf der Terrasse den Regen über das Gesicht laufen. Sehe die aufkommende dunkle Jahreszeit wieder in einem hellen Licht. Halloween, St. Nikolaus, die Adventszeit, das Warten auf das Fest der Feste…

Ja, alter Gesell! Das hast du nicht erwartet, oder? Hast dich verdrückt. So leise und heimlich, wie du gekommen bist. Der kleine, frisch-blutende Riß in der Seele schließt sich wie von Zauberhand, geglättet durch sanfte Gedanken, der Wärme des Herzens. Und schon kann ich wieder schreiben, fallen mir Worte ein, finden den Weg aus der Seele aufs Papier, werden hinaus getragen in die Welt.

Tja, dieses Jahr hast du früh angeklopft, alter, vertrauter Freund, verhaßt und geliebt. Auf dich, alter Schwerenot, trinke ich heute Abend ein schönes Glas Rotwein, stelle leise, schmeichelnde Musik an  - nehme meine Frau in den Arm.
Diese Runde ging an mich! Aber wir haben ja auch erst Ende Oktober…
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