Heimat im Sonderangebot

Es war einmal ein kleiner Mann, der hatte sich, als er sich auf dem Marktplatz seiner Geburtsstadt umgesehen hatte, mit einem Mal sehr beengt gefühlt. Die Menschen, die vorbei an ihm ihres Weges gingen, fand er fremd, ebenso ihre Sprache und ihre Gebräuche, obgleich er sein ganzes Leben unter ihnen gefristet hatte. Die Passanten waren in Eile, Vorbereitungen für ein traditionelles Fest zu treffen, doch der kleine Mann teilte ihre Vorfreude nicht; nun verschloss sich ihm der Sinn der bevorstehenden Feier.
Betrübt ging der kleine Mann in sein kleines Zuhause, um nachzusinnen über seinen plötzlichen Sinneswandel. Das Gefühl unbestimmten Heimwehs, das so jäh Besitz von ihm ergriffen hatte, lastete schwer auf seinem Gemüt, und nicht einmal in seiner Wohnung fand er Vertrautheit. Als er sich zum Nachdenken in seinen Lieblingssessel niederließ, ächzte dieser in dem Ton, den er nur bei unwillkommenen Gästen anschlug.
Am nächsten Tag fühlte sich der kleine Mann nicht fähig, seine Arbeit zu besuchen, was wiederum seinen Vorgesetzten betrübte – besonders dann, als aus den Tagen Wochen des Nachsinnens wurden.
Auch die Frau des Heimweh Leidenden sorgte sich um ihren kleinen Gatten und suchte, den Grund seines Kummers zu verstehen. Als sie ihn gar dazu drängte, einen Arzt aufzusuchen, schlug der kleine Mann mit leiser Stimme vor: „Lass uns auswandern, denn ich fühle mich überflüssig in diesem Land“.
Nachdem die Frau, zunächst ungeduldig, sich das Vorhaben erläutern und begründen ließ, fand sie plötzlich Gefallen daran. Woanders seien die Leute freundlicher, stimmte sie zu, und Sprachen ließen sich inzwischen im Schlaf lernen.
So holte sie einen für den Urlaub gesammelten Stapel Reisebroschüren hervor, um zusammen mit ihrem Gatten eine neue Heimat herauszusuchen. Jedoch vertiefte sich der Verdruss des kleinen Mannes, als ihm beim Planen kein einziges Land in den Sinn kam, das seine Sehnsucht erfüllen würde. Schöne Wohnstätten boten sich überall, aber kein Land, dessen Bürger er sein wollte.
Nach einigem Grübeln kam dem kleinen Mann ein neuer Einfall, den er sogleich aussprach. Wer sich nirgends heimisch fühlte, dem blieb nur eines übrig: ein eigenes Land gründen!
Daraufhin seufzte seine Gattin, dass er nun wirklich übertreibe. Doch als sie erkannte, wie ergriffen der kleine Mann von seiner Idee war, fragte sie ihn nach seinen Vorstellungen. Sie beobachtete, wie Leben in ihren Gatten zurückkehrte, während er voller Elan die Gründung des Staates ausmalte. Aus der Schule wusste er nur noch sehr wenig über den Aufbau eines Staates, war jedoch willens, all dies nachzuholen.
Den ganzen Abend und die ganze Nacht hindurch besprachen sie sich und schlugen bei wichtigen Fragen in Büchern nach; am Morgen fühlte sich der kleine Mann erquickter als nach einem geruhsamen Wochenende. Sein Entschluss hatte sich gefestigt. Voller Tatendrang – so gebührte es sich für einen zukünftigen Staatsgründer, den neuen Tag anzutreten.
Das Fundament des neuen Landes war ein Brief an die Behörden – geschrieben von der gebildeten Frau des kleinen Mannes, auf deren Wortkunst er, ein schlichter Fabrikangestellter, uneingeschränkt vertraute.
Auf dem Weg zur Post strahlte er wie lange nicht mehr, begrüßte freudig seine Mitbürger, die bald nur noch ehemalige sein würden.
Den Kündigungsbrief von seinem Vorgesetzten nahm er unbekümmert entgegen, schließlich würde es in seinem aufstrebenden Land genügend Arbeitsplätze geben.
Die Behörden ließen sich Zeit mit der Antwort. Erst benickte der kleine Mann dieses Vorgehen mit respektvoller Geduld, er verstand: Die Geburt eines Menschen mochte rasch vonstatten gehen, die Geburt einer Heimat nicht.
Doch nicht einmal das Gewicht der Angelegenheit, der zu fällenden Entscheidungen, rechtfertigte die verstreichende Zeit. Der Tatendrang des kleinen Mannes schlug um in Gereiztheit. Er schlief wenig und aß noch weniger, was allerdings dem Budget wohl tat – die Landesgründung würde ohnehin viele der bescheidenen Mittel verzehren. 
Der kleine Mann begann, seinen Nachbarn zu argwöhnen. Was, wenn sie ihm den Antwortbrief entwendet hatten, aus Neugier oder, um ihn zu bremsen, weil die Ausmaße seines Vorhabens sie ängstigten? Immer strenger überwachte er den Briefkasten, suchte in jeder Postlieferung den kostbaren Umschlag mit dem offiziellen Stempel.
Als der kleine Mann ihn tatsächlich in den Händen hielt, traute er seinen Augen nicht. Er las den Brief ein zweites, ein drittes Mal. Er gab seiner Frau den Brief zur Lektüre, für den Fall, dass ihm ein Stück des Sinns in den Gewinden der hohen Sprache entwischt sein könnte.
Doch die Zweitleserin bestätigte ihm: Die Behörden waren seiner Idee nicht wohl gesonnen, oder sahen sich vielmehr außerstande, ihn zu unterstützen. Staatsgründungen lägen nicht an der Tagesordnung. Vor allem aber habe er, so der Vorwurf, den Antrag in der falschen Form und an den falschen Zuständigen eingereicht.
Der Form, der heiligen Form halber, ließ der kleine Mann einen zweiten Brief senden. Es könnte ja ein Irrtum vorliegen, und wenn ein neues Land von der Nummer eines Formulars abhing … Für die Heimat wurden schon größere Opfer gebracht. 
Doch immer noch wusste die Behörde seinen Traum nicht zu würdigen und gönnten ihm nicht einmal den Trost des Versprechens, den Antrag weiterzuleiten. 
Viele wären ob einer solchen Zurückweisung am Boden zerstört, doch der Stich eines jeden Rückschlags hatte dem kleinen Mann als Ansporn gedient. Er schwor sich, in seinem Staat würde es solche Bürokratie nicht geben. Ferner wurde ihm bewusst: Er musste selbst handeln, wenn er sich eine eigene Heimat gründen wollte. Vielleicht ließen sich die Beamten, vor vollendete Tatsachen gestellt, eher beeindrucken.
Seine Frau wollte ihm aber nicht weiter auf diesem Eroberungszug beistehen; sie zog sich in ihr Zimmer zurück – inzwischen nur noch spärlich möbliert – und nahm Kopfschmerztabletten.
Der kleine Mann traf indes die letzten Vorbereitungen.
Das Budget des zukünftigen Landes wurde um die Kosten für Farben belastet. Mit ihnen bemalte der Staatsgründer eine Schürze, von seiner Frau geliehen, in den Landesfarben. Als er mit dem Wappen zufrieden war, band er die selbst gemachte Flagge an einen Besenstiel und zog los, um Zeichen zu setzen.
Über dem Ringen mit der Bürokratie hatte der kleine Mann nämlich vollkommen vergessen, Ort und Stelle seines neuen Landes zu bestimmen. Da ihm nach weiten Reisen der Sinn nicht stand, ging er in den Park. Dort fand er sogleich auf einer gepflegten Wiese den passenden Ort, um sein Land zu gründen. Nach einigen Mühen stand die Fahne fest im Grund, und ein neuer Staat war geboren. Ein Staat mit eigenen Gesetzen, wenngleich nur die nötigsten erdacht waren, und einer eigenen Geschichte, die jedoch sehr kurz war.
Die Passanten missachteten den kleinen Mann, als er um neue Bürger für sein Land warb. Einige fuhren über seine Ausrufungen und verlangten, dass er still war. Andere betraten unerlaubt den Hügel und zeigten dem Staatsgründer bloß den Vogel, wenn er Papiere zu sehen forderte. Manche Stänkerer versuchten gar, ihn zu vertreiben, weil sie auf dem beanspruchten Territorium zu picknicken wünschten.
Der kleine Mann ließ sich von ihnen nicht verunsichern, hoffend, dass früher oder später Landsleute im Geiste auf ihn aufmerksam wurden. Auch blieb er standhaft, als Polizisten in sein Land drangen. Alte Damen hatten Meldung erstattet, denn sie fühlten sich durch den seltsamen kleinen Mann im Recht verletzt, ihre Hunde spazieren zu führen.
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