Kleine Mißverständnisse

von Sir Charles Blackwood

Die Luft, lau, mild geschwängert vom Duft edler Rosen, trägt aus der Ferne das leise Geräusch spielender Kinder an mein Ohr. Während Lenas Augen die meinigen suchen, finden, verzückt verharren, kann ich eine dicke Träne nicht unterdrücken. Ihre Gedanken, romantischster Art, hören schon die Hochzeitsglocken läuten, lassen die Pferde vor der Kutsche schnauben, den Schleier im Wind rascheln. Und mich? Mich hat soeben beim Aufstehen die Hexe geschossen. Aber so was von geschossen…
Ich verharre in einer Stellung, nicht stehend, so halb niederkniend, mißverstehend vor meiner Arbeitskollegin. Dabei sind wir nur während der Mittagspause, der Hitzeglut des Tages entrinnend in den Park geeilt, um etwas Linderung zu erhaschen, Kraft für das Nachmittagsmeeting zu schöpfen. Und jetzt?
Ein Aufstöhnen verläßt meine Lippen, wird von ihren schmachtenden Augen förmlich aufgesogen. Obwohl, wie sollte das gehen: mit den Augen aufsaugen? Das Feuer in ihr wird immer stärker, ihre Lippen scheinen zu zittern, ihre Ohren warten auf die Worte, die sie hören wollen, die jetzt unabdingbar kommen müssen. Ewig erhofft, doch nie vernommen. Beim Anblick meiner Träne, fälschlicherweise und fatal mißgedeutet, scheint sich ihre Hoffnung ins Unermeßliche zu steigern.
Oh Gott, tut der Rücken weh. Oh Scheiße aber auch… Ich würde mich ja fallenlassen, aufstehen, wegdrehen, mich meiner Schmerzen bemerkbar machen. Mein verzerrtes Gesicht, sie hilfesuchend anflehend anblickend, scheint sie schon wieder mißverstehend zu deuten. Sie kniet sich zu mir hinunter, faßt meine Hände, nimmt mich in den Arm. Oh Gott, die Schmerzen. Verdammter Heckenschuß! Qualvoll verlassen Schmerzlaute, statt Liebesworte meinen Mund, lassen Lena erwartungsvoll verharren, sie als Fanal meiner Liebe deuten…
Ich will es ihr sagen, daß kleine Mißverständnis, was sich zu einer riesigen, unausweichlichen Falle für einen überzeugten Junggesellen entwickelt,  aufklären, will es hinausschreien, ihr sagen, aufklären, bevor es zu spät ist: aber es geht nicht. Wieder ein Stich im Rücken, der sich gewaschen hat, der meine zum Wort geöffneten Lippen ein weiteres Mal aufstöhnen läßt. Als wäre dies nicht genug, scheint Lena der Liebreiz des Universums zu sein.
„Wie süß du doch bist, wie romantisch. Nein, das hätte ich nie von dir erwartet. In der Firma hieß es immer: der und heiraten? Nie im Leben! Ist ein ewiger Junggeselle, will nur seinen Spaß“ Mit dem Feingefühl einer über alles liebenden Frau kommen diese Worte leise, sanft, liebevoll, von ihren Lippen, die, wie könnte ich auch nur einen Zentimeter ausweichen, die meinigen suchen. Ein weiteres qualvolles Stöhnen verläßt meinen Körper, während ich versuche, den Kopf zur Seite zu drehen, dem Unausweichlichen auszuweichen. Nein, nur das nicht! Ich will nicht! Auch wenn es eine süße Maus ist. Verschwommen findet mein Blick den ihrigen. Mann, hat die blaue Augen. Und das Grübchen ist mir noch gar nicht aufgefallen. Sie duftet gut. Wenn ich nicht versuche, die Lippen wegzudrehen, läßt sich der Schmerz aushalten. Mir war noch nie bewußt, was sie für eine tolle Figur hat. Ein kleiner, kurzer Blick in ihren Ausschnitt läßt meine Schmerzen vergessen. Wieso habe ich sie nie beachtet. Ihre Lippen sind nur noch Millimeter von den meinigen, mein Herz kommt auf einmal aus dem Takt, schlägt schneller, holpriger. Mein Gott, ist das heiß hier auf der Wiese. Und dann ergebe ich mich in mein Schicksal, kann ihm nicht entrinnen, will ihm nicht mehr entrinnen.

Tja, so war das damals, vor rund 30 Jahren. Ich muß lächeln, wenn ich daran zurück denke. Und nur, weil sich der junge Mann, der vorhin irrtümlich an unserer Haustüre schellte, nach Birgit, der Nachbarstochter fragte. Und nur, weil Yvonne, meine Tochter, 16 Jahre jung und, wie sie mir immer sagt, als Junggesellin alt werden würde, denn das wäre ja das einzig wahre Leben, ihm die Türe öffnete. Und nur, weil sie jetzt schon über eine Stunde draußen im Garten mit ihm sitzt, Grundsätze über den Haufen schmeißt. Da streicht mir eine Hand liebevoll über das dünner werdende Haar. Mein Blick wendet sich ab vom Fenster, schaut in blaue, tiefgründige Augen.

„Weist du‘s noch? Damals im Park?“ scheinen sie sagen zu wollen.
Ich drücke ihre Hand, lege sie zärtlich an mein Gesicht und wieder kann ich nicht sprechen, wie damals. Doch ist es diesmal nicht die Hexe, die mich stumm bleiben läßt, sondern die unauslöschbare Liebe zu meiner Frau und Lebensgefährtin.

„Ja, ich weiß es noch“, flüstere ich leise, während ich sie auf den Schloß nehme, ihr in die Augen schaue, „und jede Sekunde mit dir  ist ein Tag voll Sonne und Glück.“

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