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Mein rosarotes Nest Teil 3Er schloss das Fahrradschloss auf. Dann nahm er die Hosenspangen und steckte seine Knickerbockerhosen zusammen, um nicht, in seine immer gut geölte Fahrradkette zu kommen. Dann gab er einem Schüler, seinen mit Abzeichen geschmückten Hut und zog seine Jägerjacke aus. Eine Tracht aus dem schönen Sudetenland. Bunte Hosenträger zierten sein grün- weiß besticktes Hemd. Wir mussten lächeln. Aber Skrupel hatte keiner von uns. Zu viele schlechte Noten schwirrten in unseren Köpfen und Schulheften herum. Wir werden noch viel zu arbeiten haben, um das wieder wett zu machen.
Joseph schwang sich auf seinen Drahtesel. Applaus von den Kleinen. Ackert’s Augen blitzten unternehmungslustig durch die Brillengläser. Er war vielleicht an die 40 Jahre alt. Aber er war in Form und drehte einige Runden. Dann setzte er sich rückwärts auf den Lenker und stemmte sich noch nach oben. Drehte so eine Runde nach der andren. Aber das Rad wurde immer langsamer. Er trat noch einmal voll in die Pedalen um Geschwindigkeit zu machen. Alle klatschten jetzt Beifall. Jetzt wurde er tollkühn und versuchte noch einen kleinen Kopfstand auf dem Lenkrad. Er verlor das Gleichgewicht nach vorn, weil es einen kurzen „Pfiff“ gab und das Ventil vom Vorderrad wegflog. Dann stürzte er nach vorn. Alle Waren entsetzt. Wie konnte das passieren? Die arme Nase hatte wieder was abbekommen, aber die Brille ist heil geblieben. Er schimpfte und konnte sich nicht beruhigen. Der Direktor kam angestürzt. „Joseph, was ist passiert? Geht’s wieder?“ „I waiß au net, Walter, wos los wor. De Luft war of ema weg. Keen Ahnung net. Mussi ma mei Radl’ nachschaue“, sagte er zum Direktor. Vor Schreck hatte er seinen Dialekt wieder gefunden. Zufrieden gingen wir in unser Klassenzimmer. Der nächste Schock kam in Gestalt des Chemielehrers Falke, eine Ausgeburt des Periodensystems der Elemente, befreundet mit allen Atomen und Molekülen des Universums. Sein allerbester Freund ist sein Riesen-Schlüsselbund, das scheinbar mit Steuerknüppeln und Segeln ausgestattet war, da es jeden von uns mit peinlichster Genauigkeit treffen konnte. Ein kleiner dicker fast glatzköpfiger Tyrann, der vor schlechten Noten nicht halt machte. Wenn er Wut hatte, zerbrachen sogar die Reagenzgläser in seinen Händen, oder er verbrannte sich am Bunsenbrenner. Das war dann ein schlechtes Zeichen für die Klasse. Schriftliche Arbeiten folgten auf dem Fuß. In der 5. Klasse bekamen dann wir noch die Sprache unserer sowjetischen Freunde (russisch) in den Lehrplan. Noch mehr unnötiges Zeug. Für diese vergeudete Zeit, hätten wir andere informativere Stunden haben können oder Fußball trainiert. Wer ist schon in die Sowjetunion gekommen? Und was sollten wir dort? Aber das war Befehl von oben. Eine Vokabel jagte die andere. Eine ältere Dame machte sich mit uns rum und wir uns mit ihr. Keiner hatte Lust diese zungenbrecherische Sprache zu lernen, welche uns bis zu den letzten Schulabschlüssen im Leben verfolgen sollte. Am besten war dann unser Schuldirektor, der Geschichte und Physik unterrichtete. Das waren nur einige Stunden in der Woche, aber er war immer leicht angesäuselt, wenn er die Klasse betrat. Wenn er zu den ersten Unterrichtsstunden, früh im Klassenzimmer ankam, war sein „Hosentorweg“ fast immer offen. Die hochroten Köpfe der Mädels in der ersten Reihe waren nicht zu übersehen und ihr Gekicher nicht zu überhören. Als er es einmal bemerkte, ging er hinter das Lehrerpult - knöpfte seine Hose zu und dachte wir hätten das nicht bemerkt. Dann holte er eiligst einige Utensilien, z.B. ein Pendel vor und wollte Physik unterrichten. „Herr Direktor, wir haben doch jetzt Geschichtsunterricht“, rief jemand. Sein Hosenstall war zu und dann gab er, nach einem entschuldigendem Lächeln auf seinem Gesicht noch Geschichtsunterricht. So war Walter unser Direktor und „Vorbild“. Geschichte, mein Lieblingsfach und Geographie. Eine Eins war Pflicht. Wilfried, mein großer dicker Freund war genauso ein Spezi wie ich. Da war der Konkurrenzkampf hart. Wir mussten diese Note 1 haben, sonst waren wir krank. Im Deutschunterricht war es auch lustig. Irgendwie handelte ein Buch von Nomi, dem kleinen Negerjungen oder so ähnlich. Pflichtliteratur. Wir mussten zuhören und dann lesen, was der kleine Junge so in seinem Urwald gemacht hat. Das war so „interessant“, um die Tinte in den Füllfederhaltern vertrocknen zu lassen. Es kamen verschiedene Reaktionen der Schüler. Doris rief: „Christel hast du noch Tinte, mein Füllhalter schreibt nicht mehr. Ich brauche Nachschub!“ „Ich komme, Dottel.“ Christel stand auf und ging mit ihrem Tintenfass zu Doris. Durch die ganze Klasse spazierte sie. Der Lehrer war für sie nicht anwesend. Ihre Freundin war wichtiger und darum wurden sie auseinander gesetzt. Das machte aber nichts. Jeder Weg führt zu Christel oder Dottel. Unterwegs treffen sie sich und sprechen über den kleinen Neger, über den sie lesen und schreiben sollten. Eine bessere Comedie könnte diese Szene in einer 6. Klasse der DDR nicht bieten. Doris und Christel stellten sich in den Weg des Lehrers und schwatzten ununterbrochen über die blaue Tinte und den braunen Neger. Hans Kuhn, der Lehrer drehte sich um und ging zum Klassenbuch. Was er dort eintrug war unschwer zu erraten. Die „schlechtesten“ Schülerrinnen, mit einem Intelligenzquotienten, den man in den heutigen angeblich besten Comedy- Shows Deutschlands suchen muss. Hans dreht sich am Lehrerpult rum und meint lakonisch: „Wenn ihr so weiter macht werdet ihr das Klassenziel nie erreichen.“ „Na und, wir wollen das auch nicht. Wir können arbeiten. Ihr Mist hier ist doch nicht unsere Sache. Was gehen uns Fürst Dubrowski (eine andere Gestalt in der Pflichtliteratur) und sein Neger an? Stimmt’s, Dottel?“ „Ich sehe das auch so,“ lachte die. Sicher hat man zu dieser Zeit schon gesehen, dass die beiden absolut nicht „rund“ liefen. Oder doch nicht? Wer wusste das schon. Jedenfalls hatten sie ihren Beruf und auch gelebt. Irgendwie ging es dann noch bis zur 7. Klasse. Dann hatten ihre Eltern keine Schweine privat mehr geschlachtet und die Wurst- und Fleischpakete für die Lehrer blieben aus und damit war auch die 8. Klasse für die Zwei nicht erreichbar. Nun kamen wir in der 7. Klasse. Ein Kommen und Gehen wie die Jahre zuvor. Wieder veränderte sich das Bild der Klasse. Viele Streiche wurden gespielt. Aber je älter wir wurden, um so schwächer wurde die Intensität dieser Einlagen gegenüber unseren Lehrern. Die alten Späße zogen nicht mehr. Einige Lehrer wurden versetzt oder schieden aus Altersgründen aus. Neue junge, moderne Lehrer kamen. Endlich mal junge Leute, mit denen man sprechen konnte, trotzdem sie ihre eigenen Probleme hatten und ihre Lehrprogramme anders gestalteten. Aber trotzdem hatten sie bei uns den Vorteil, bis auf kleine Ausnahmen, nicht in diese Streiche- Kategorie eingeführt zu werden. Fräulein Brummer wurde unsere neue Klassenlehrerin. Schwarze kurze Haare und immer geschminkte Lippen, waren ihr Gütesiegel. Sie unterrichtete Deutsch und Sport. Ich wurde ihr Liebling, was mir nicht recht war. Immer war ich dran, wenn einer etwas nicht wusste. Das stank mir an. Zu einem Schulsportfest hatte ich im Schlagballweitwurf einen Schulrekord mit 58 Metern aufgestellt. In den anderen Disziplinen war ich auch ganz gut, aber ich hatte nicht viel Lust mich von der Dame „ausbeuten“ zu lassen. Sie wollte mich unbedingt in ein Leichtathletik-Leistungszentrum nach Leipzig schicken. In Mathematik kam auch eine Neue, die ihr Praktikum machte. Ein blondes hübsches Mädchen, 19 Jahre alt. Eine tolle Figur und in dem einen Sommer mit einem schönen gewagten Ausschnitt in Bluse oder Kleid. Wir Jungens, aber auch einige Mädels waren begeistert, wenn sie zum Unterricht kam. Wenn sie uns was erklären wollte, beugte sie sich so über die Bank zu unserem Heft, dass die Zahlen vor unseren Augen flimmerten und wir nur ihren Busen im Blick hatten. Unsere pubertierenden Herzen machten Freudensprünge und wer bis jetzt das große Einmaleins noch nicht konnte, hatte das in 4 Tagen nachgeholt. Sie war einfach der Stern am trüben Schulhimmel. |
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